Der Einladung der JRF zur Veranstaltung „Digitalisierung – Perspektiven fortschreitender Vernetzung“ am 8. November 2016 in Düsseldorf waren rund 100 Interessierte gefolgt.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen Impulsvorträge von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der JRF-Mitgliedsinstitute FIR (Forschungsinstitut für Rationalisierung), RIF (Institut für Forschung und Transfer), Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und DST (Entwicklungszentrum für Schiffstechnik und Transportsysteme) sowie eine offene Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern aus Industrie und Mittelstand, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Politik und Wissenschaft. Svenja Schulze, Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes NRW, hat den Abend mit einem Grußwort eröffnet.

Eine Demonstrator-Ausstellung konnte in den Pausen besichtigt werden und zeigte erlebbar aktuelle Anwendungen aus Forschungsprojekten.

Impressionen der Veranstaltung:

Inhaltliche Zusammenfassung

Prof. Dr. Volker Stich vom FIR konstatierte, dass vier Megatrends die Herausforderung an Forschung und Technologie bestimmen würden: Globalisierung, Urbanisierung, Ressourcen und Konvergenz. Für die Wirtschaft bedeute dies eine Dynamisierung, damit einhergehend eine wachsende Komplexität, die zu Unübersichtlichkeit und Vielfalt hinsichtlich der zu betrachtenden Parameter führe. Eine mangelnde Planbarkeit verunsichere zusätzlich. Diesen Herausforderungen sei nur mit intelligenten Entscheidungshilfen beizukommen, wie der Verarbeitung großer Datenmengen in Echtzeit zur Sicherstellung der Datenkonsistenz, Echtzeitauswertungen und Vorhersage zukünftiger Ereignisse auf Knopfdruck und Anspruchsgruppengerechte Bereitstellung bzw. Visualisierung von Informationen. Lernen aus Daten bedeute, dass aus Big Data zu Smart Data werde, die für Unternehmen die Grundlage bilden, um sich schnell und iterativ an den idealen Betriebszustand anzunähern. Dies könne nur erreicht werden, wenn maschinelles und menschliches Wissen sinnvoll vernetzt würde. Die Arbeit von Morgen werde damit für die Menschen zunehmend zur Entscheidungsarbeit.

Prof. Dr. Volker Stich, FIR, hält einen Vortrag zur Digitalisierung der Wirtschaft

Prof. Dr. Jochen Deuse vom RIF knüpfte direkt an den Vortrag von Prof. Stich an und lenkte den Blick auf die Data Science, welche die Schnittstelle zwischen den Bereichen Informatik, Mathematik und Domänenwissen bilde. Data Science ermögliche es, aus Datenwissen Handlungen abzuleiten.

Ein Beispiel sei die Erfassung menschlicher Bewegungen bzw. individueller Leistungsparameter mittels Motion Tracking, die anschließende Übertragung auf ein digitales Menschmodell und automatisierte, ergonomische Bewertung derselben. Die auf diese Art gewonnen Informationen könnten zur Planung und Optimierung sozio-technischer Arbeitssysteme im Sinne einer flexiblen, differentiellen Arbeitsgestaltung verwendet werden. Das RIF stellte in den Pausen ein Motion Tracking System der Firma Xsens vor.

Darüber hinaus gewinne Data Science im Produktionsumfeld insbesondere im Bereich des Qualitätsmanagements und der Instandhaltung zunehmend an Bedeutung. Zudem diene Data Science u.a. der Identifikation von Engpässen und somit der Verbesserung der Produktionsplanung und -steuerung.

Genutzt als Entscheidungs- und Planungsgrundlage werden mittels Data Science gewonnene Erkenntnisse zunehmend die menschliche Arbeit im Produktionsumfeld anreichern und entscheidend zur Produktivität und Effizienz sozio-technischer Arbeitssysteme beitragen.

Prof. Dr. Jochen Deuse, RIF, hält einen Vortrag zu Data Science

Prof. Dr. Christa Liedtke vom Wuppertal Institut ging auf die Technik-, Produkt- und Dienstleistungsentwicklung im Dschungel der digitalen Welt ein. Unser Zeitempfinden pro Generation sei sehr unterschiedlich. Die aktuellen Entscheider seien vielmals jene aus der Modernisierungs- und Wertewandel-Generation im Alter zwischen 45 und 75 Jahren, die eher ein lineares Zeitempfinden hätten. Sie gab zu bedenken, ob gerade womöglich die Falschen die Zukunft entscheiden würden.

Im weiteren Verlauf zeigte sie auf, dass Digitalisierung distanzlos mache und Nähe gäbe und sich über Produkte und Infrastrukturen materialisiere. Dabei verliere der Verkauf an Produkten an Bedeutung – Dienstleistungen würden in den Fokus geraten. Das Produkt erhalte eine neue, wichtige Rolle als Datenträger. Smart sei dabei aber nicht smart genug – Digitalisierung sei analog, dissipativ, nicht zirkulär und damit eine Ressourcenschleuder. Unser pro Kopf-Ressourcenkonsum übersteige die planetaren Grenzen um das 4 bis 5-fache. Deshalb brauche Digitalisierung einen Gestaltungsrahmen. Die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen könnten Ziele und eine Orientierung liefern. Gestaltung benötige jedoch Information. Abhilfe könne hier z.B. die Einführung des „2. Preises“, welcher den Käufern den ökologisch wahren Preis für Produkte anzeigt, verschaffen. Final hielt Frau Liedtke fest, dass der Mensch und seine Lebensentwürfe der Mittelpinkt von Gestaltung und Entwicklung sein können.

Prof. Dr. Christa Liedtke hält einen Vortrag zu Nähe, Distanz und Nachhaltigkeit

Dr. Rupert Henn vom DST gab ein sehr praktisches Beispiel für Digitalisierung anhand der dualen Ausbildung von Binnenschiffern. Die Betriebsabläufe an Bord eines Binnenschiffs erlauben es dem Auszubildenden, neben der praktischen Tätigkeit auch theoretische Lerninhalte zu bearbeiten. Hier setzen moderne E-Learning-Konzepte an, die u. a. in dem vom BMBF geförderten Forschungsvorhaben „Smart [email protected] entwickelt werden. Durch die flächendeckende Verfügbarkeit mobiler Internetzugänge im Binnenland kann der Auszubildende während seiner Fahrzeit an Bord mit einem Tablet oder Notebook einzelne Lernmodule bearbeiten, die konzeptionell in das Kurrikulum der schulischen Ausbildung integriert sind.

In Simulationsübungen könnten kritische Situationen in konzentrierter Form trainiert werden. Vorteile seien die beliebige Wiederholbarkeit ohne jegliches Schadensrisiko sowie die Möglichkeit der genauen Auswertung der Übung im Nachhinein. Als Demonstrator hielt das DST eine über das eigene Smartphone direkt vor Ort zugängliche Simulationsübung bereit, welche zur Aufgabe hatte, ein Binnenschiff schadenfrei durch einen kurvigen Gewässerabschnitt zu manövrieren.

Dr. Rupert Henn, DST, hält einen Vortrag zu digitalem Lernen in der Binnenschifffahrt

An die Besichtigung der Demonstratoren in der Pause schlossen sich zunächst eine Podiumsdiskussion mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie eine weitere mit Praxisvertretern an.

Wissenschafts-Podium. V.l.n.r.: Bigge, Liedtke, Henn, Deuse, Stich

Wissenschafts-Podium. V.l.n.r.: Bigge, Liedtke, Henn, Deuse, Stich

Bevor bei einem Empfang die Gespräche fortgeführt wurden, nahmen an einer angeregten, von Ralf Bigge von der EICe Aachen GmbH moderierten, zum Publikum hin geöffneten Diskussion folgende Praxisvertreter teil:

  • Prof. Dr. Hendrik Schröder, Lehrstuhl für Marketing und Handel, Uni Duisburg-Essen
  • Ralf Klinkenberg, Gründer & Forschungsleiter RapidMiner GmbH
  • Prof. Dipl.-Ing. Thomas Schlipköther, Vorstand Duisburger Hafen AG
  • Dr. Joachim Paul, MdL, Piratenpartei NRW
  • Helga Zander-Hayat, Leiterin „Markt und Recht“, Verbraucherzentrale NRW

Flyer zum Nachlesen des Programms:

Flyer