Geschichte, Geisteswissenschaften und Digitalisierung? Keine Gegensätze, sondern Fachgebiet des JRF-Instituts STI – Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte. Hier ist Prof. Dr. Lucia Raspe seit Juni 2021 die neue wissenschaftliche Leiterin. Im JRF-Interview stellt sie sich, ihre Aufgaben und die Projekte des STI vor.

Prof. Lucia Raspe, Direktorin des JRF-Instituts Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte und Professorin für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen

Seit rund einem halben Jahr sind Sie Professorin für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen und Direktorin des JRF-Instituts Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte. Welche Aufgaben sind neu für Sie und welche davon machen Ihnen besonders Freude?

Raspe: Neu für mich ist es, ein Institut zu leiten, und alles, was damit verbunden ist. Da kommt eine ganze Reihe administrativer Herausforderungen auf mich zu. Allein die Zahl der täglichen E-Mails! Völlig neu ist auch die Zusammenarbeit innerhalb der JRF, die anderen Institute Stück für Stück kennen zu lernen und sich in Treffen zu vernetzen. Das finde ich ausgesprochen anregend. Freude macht es, mit den Kolleginnen und Kollegen zusammenzuarbeiten, beispielsweise bei der Redaktion der Institutszeitschrift „Kalonymos“. Ich habe das große Glück, ein Team zu haben, das schon in vielen Dingen Erfahrung hat.

Das Steinheim-Instituts zeichnet sich besonders durch digitale Methoden der Geisteswissenschaft wie beispielsweise dem Erstellen von Datenbanken aus. Ein Beispiel hierfür ist die epigrafische Datenbank epidat zur Digitalisierung von Grabinschriften. Wie hat sich das Projekt entwickelt und wie funktioniert die praktische Umsetzung von der Friedhofsbesichtigung hin zur Aufnahme in die Datenbank?

Raspe: Epidat wurde ab 2002 entwickelt und ging 2006 online. Das Steinheim-Institut war also schon früh dabei. In Deutschland haben sich insgesamt etwa 2.400 jüdische Friedhöfe erhalten. Das ist eine große Herausforderung, da sie nicht so leicht zugänglich sind – beispielsweise weil die Inschriften hebräisch sind. Sie gehen also auf den Friedhof und versuchen einen Überblick zu gewinnen: Wo sind die ältesten Steine? Wo sehen Sie Familienbeziehungen? Gibt es Parallelüberlieferungen oder ein Beerdigungsbuch? Dann schreiben Sie die Inschriften ab und merken, dass es nicht nur prosopografische Informationen wie Name oder Todestag gibt, sondern auch einen sich wandelnden Umgang mit der Sprache. Wie wird eine Person beschrieben? Was wird zitiert? Welche Assoziationen werden damit transportiert? Spätestens dann merken Sie, dass ein Rechner her muss. Irgendwann geht sonst der Überblick verloren. Die Bestände müssen durchsuchbar gemacht werden – nach Namen, nach Orten, nach Wendungen oder Zitaten. Epidat ist übrigens Open Access, damit auch KollegInnen beispielsweise aus Jerusalem damit arbeiten können.

Sie haben angesprochen, dass das Projekt epidat deutschlandweit Grabsteine georeferenziert. Aber auch, dass Sie ein sehr kleines Institut sind – wie wird das koordiniert und wie sind Sie vernetzt, denn vermutlich können Sie mit dem kleinen Team des Steinheim-Instituts nicht alle Friedhöfe Deutschlands selbst absuchen?

Raspe: Das ist eine große Herausforderung bei solchen Projekten. Hier kommt es auf Kooperation an, allein schon weil andere Forscher weltweit auf dieselbe Idee gekommen sind und dann jeweils verschiedene Datenbanken haben, die im Zweifelsfall nicht miteinander kompatibel sind. Die zugrundeliegende Technologie muss also in eine größere Herangehensweise integriert werden, so dass man dann verschiedene Datenbanken miteinander verknüpfen und vergleichende Untersuchungen anstellen kann. Viele ältere Dokumentationen, die an uns im Steinheim-Institut als Experten weitergegeben wurden, liegen nur in Papierform vor. Wir haben derzeit zu wenig Kapazität und Mittel, um das alles selbst zu digitalisieren. Dafür haben wir Kooperationen zum Beispiel mit dem Bayerischen Amt für Denkmalpflege. In Bayern gibt es sehr große Friedhöfe mit Tausenden von Steinen – logistisch eine große Herausforderung. Im Idealfall können wir wechselseitig importieren. Derzeit haben wir etwa 230 Bestände, also Friedhöfe, in epidat. Im Vergleich zu der Gesamtzahl, die es noch gibt, ist das nicht viel – mit über 40.000 Inschriften aber doch deutlich mehr, als in anderen Datenbanken verfügbar ist. Da steht das Steinheim-Institut also insgesamt nicht schlecht da.

Als weiteres Projekt beteiligt sich das STI am Jubiläumsjahr 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Hier gab es im Sommer zusammen mit der JRF eine Veranstaltung auf dem Köln-Deutzer Friedhof. Gibt es auch hier Schnittstellen zu Ihren digitalen Ansätzen?

Raspe: JRF vor Ort war ein sehr schönes Event für uns, ein kleiner Ausschnitt aus unserem 1.700-Jahre-Projekt. Zum einen nehmen wir da Bezug auf das Jahr 321, auf das sich das Jubiläum bezieht, indem wir eine Auswahl von 321 Grabsteinen in epidat aufnehmen – in der Hoffnung, dass wir das in Zukunft vervollständigen können. „Jüdisches Köln – rechtsrheinisch“ ist aber noch mehr: Wir erforschen die Geschichte der Juden, die sich nach der Vertreibung von 1424 nicht in Köln niederlassen durften und sich daher im Umfeld angesiedelt haben, also auf der anderen Rheinseite in Deutz. Das ist nicht so bekannt. Dabei wird in Zusammenarbeit mit Schulen eine Handy-App für einen Stadtrundgang erstellt, außerdem auch ein Fahrradführer, mit dem man Orte jüdischen Lebens in der Stadt, die man sonst vielleicht nicht wahrnimmt, selbst erkunden kann.

So viel zum Jubiläumsjahr 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – mit Blick auf die Geschichte des Instituts fällt auch hier ein Jubiläum auf, da es in diesem Jahr 35 Jahre jung wird. Welche Entwicklung wünschen Sie sich bzw. dem STI für die kommenden Jahre?

Raspe: Mein Vorgänger Prof. Dr. Michael Brocke und ich haben neulich festgestellt, dass ein zentraler Wunsch des Instituts bereits in Erfüllung gegangen ist: dass es mithilfe sowohl des NRW-Wissenschaftsministeriums als auch der JRF und der Universität Duisburg-Essen überhaupt möglich wurde, eine Regelung für seine Nachfolge zu finden. Durch die Restrukturierung der Hochschullandschaft in NRW gab es zunächst keine natürliche Nachfolge für die Leitung des STI. Dafür sind wir sehr dankbar – und auch dafür, dass es momentan danach aussieht, dass es eine langfristige Förderung des STI geben wird.

Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, die Schwerpunkte des Instituts weiterzuführen und an größere Kontexte anzudocken. Thematisch hat das STI insofern ein Alleinstellungsmerkmal, als wir uns besonders mit der Vormoderne beschäftigen. Das ist ungewöhnlich für ein Institut, das deutsch-jüdische Geschichte behandelt. Und zugleich sehen wir, dass aktuelle Fragestellungen an uns herangetragen werden – Stichwort Antisemitismus. Es wäre schön, die Kapazitäten dafür zu haben, einerseits unsere Forschung innerhalb einer spezifischen Fachcommunity weiterzubringen und gleichzeitig Themen bedienen zu können, die für die Öffentlichkeit in den letzten Jahren zunehmend drängender geworden sind. Da sind wir dankbar, dass das Ministerium und die JRF uns so gut unterstützen.

Das Interview wurde geführt von Wiebke Schuppe.